Santa Trinità dei Monti - Daniele da Volterra

Zum Neuen Jahr der Versuch einer Ehrenrettung.

Daniele Ricciarelli ist besser bekannt unter dem Namen seines Geburtsortes in der Toskana: Daniele da Volterra. Aber noch besser bekannt als Il Braghettone, was auf deutsch mit Hosenmaler übersetzt wird. Diesen Namen bekam er dank eines recht zweifelhaften Auftrags. Da Volterra begann seine Karriere in Rom als Gehilfe von Michelangelo, der ihn bei seiner Karriere tatkräftig unterstützte. Der Meister erreichte sogar, dass ihn Papst Paul III. als Verwalter der Kulturgüter des Vatikans anstellte. Da Volterra unterstützte Michelangelo bei der Fertigstellung seines vielleicht wichtigsten Gemäldes, dem Jüngsten Gericht in der Sixtinischen Kapelle. Doch unter dem nächsten Paul auf dem Heiligen Stuhl wehte ein anderer Wind. Paul IV. verfolgte alles unerbittlich was nach seiner Meinung der reinen Kirchenlehre widersprach. Juden und Protestanten mussten um ihr Leben fürchten. Dem Kirchenvater war ein besonderer Dorn im Auge das Fresko von Michelangelo, denn dieser hatte, ganz dem antiken Kunstideal und sicher auch seinem Geschmack verpflichtend alle Heiligen, ja selbst Jesus splitternackt gemalt. Einer Anklage vor der Inquisition entkam der Künstler nur Dank des Todes des Papstes. Dessen Nachfolger, Pius IV, war kompromissbereiter. Doch einen Monat vor dem Tod Michelangelos, im Januar 1564, beschloss auf seine Initiative das Trentiner Konzil ein Verbot der Nacktheit in der Kunst. Fast eine Gnade, dass Michelangelo nicht mehr erfuhr, dass sein Zögling Daniele da Volterra, er kannte das Fresko nach dem Meister am Besten, den päpstlichen Auftrag zum Übermalen aller Genitalien bekam. Und so wird da Volterra wohl für alle Zeiten in der Kunstgeschichte mit dem Zusatz Il Braghettone, der Hosenmaler versehen bleiben.

Doch Daniele Ricciarelli konnte weit mehr als nur kleine Tüchlein malen. Ich empfehle allen Touristen, die die Spanische Treppe in Rom erklimmen, einen Blick in die Kirche an ihrer Spitze, Santa Trinità die Monti zu werfen. In den 14 Kapellen findet man hervorragende Kunstwerke aus 4 Jahrhunderten. Da Volterra hat die dritte Kapelle auf der rechten Seite 1548 bis 1550 im Auftrag von Lucrezia della Rovere komplett mit Szenen aus dem Leben Marias ausgemalt. An den zwei Seitenwänden hat er eine eigentümliche Wahl für die Motive getroffen. Auf der rechten Seite der Tempelgang Mariens und auf der linken der Kindermord in Bethlehem, eine Folge der Geburt Mariens Sohn. Beide Gemälde werden von einer großen Treppe dominiert. Während links tote Säuglinge auf den Stufen liegen, erklimmt rechts Maria, als tapferes kleines Mädchen im weißen Kleid die Stiege zum Tempel. An der Stirnwand entschwebt die Jungfrau auf einer von Engeln umtanzten Wolke durch einen offenen Säulentempel zum Erstaunen der Apostel gen Himmel. Nur im Vordergrund ist Petrus mit einem jungen Mann, vielleicht Johannes, ins Gespräch vertieft. Beide scheinen das Geschehen nicht zu bemerken. Sie beugen sich geradezu aus dem Bild heraus, dem Betrachter entgegen, als wollte da Volterra kommentieren: „Keine Angst, das sind nur Geschichten aus einem alten Buch.“

Gegenüber in der zweiten Kapelle links hängt die Kreuzabnahme von da Volterra. Hier zeigt er, dass er es versteht ein Bild zu komponieren. Alle Linien, durch Arme und Beine gebildet weisen auf den toten Christus hin. Doch hier wird eine Figurengruppe aus dem Geschehen heraus und hervorgehoben. Die drei entsetzt klagenden und weinenden Frauen kümmern sich gar nicht um das Geschehen hinter ihnen. Sie beugen sich über die ohnmächtige Maria.

Vielleicht wollte Daniele Ricciarelli sich selbst so sehen, wie den Johannes in der Rovere-Kapelle. Einer der außen steht und das Geschehen nur kommentiert. Das Schiksal hat ihm einen anderen Platz zugewiesen. Die Nachwelt verbindet mit ihm nur die prüden Tüchlein in der Sixtinischen Kapelle, leider nicht die schönen, intelligenten Fresken oberhalb der Spanischen Treppe.

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