• Panoramastrasse

    Wer auf der Via Aurelia von Pisa nach Rom an der Küste entlang fährt sieht bald hinter Grosseto die große fast kreisrunde Felseninsel aus dem Meer ragen. Genaugenommen ist der Monte Argentario allerdings eine Halbinsel, denn drei Landzungen, bzw. Dämme verbinden das Eiland mit dem Festland. So kann man durch Orbetello, das auf der mittleren Landzunge liegt, bequem Porto Santo Stefano erreichen, mit einem kleinen Hafen der von idyllischen Buchten mit kleinen Stränden flankiert wird. Die Insel, die heute vor allem von Römern und Florentinern als Wochenendsitz frequentiert wird hat eine lange Geschichte.

    Als im dritten Jahrhundert vor Christus Hannibal gegen Rom zog, brauchte die Römische Republik dringend Geld um die Verteidigung zu finanzieren. Die lieh sie sich unter anderem bei der Familie der Ahenobarbi, deren letzter prominenter Vertreter Lucius Domitius Ahenobarbus unter dem Namen Nero bekannt werden sollte. Die Ahenobarbi wurden damit zu Darlehnsgeber, lateinisch Argentarii (eigentlich Silberbesitzende). Da Rom zwar Hannibal besiegen, seine Kredite jedoch nicht zurückzahlen konnte, übertrug es den Argentarii Ahenobarbi diese Insel die damit auch ihren bis heute gültigen Namen bekam.

    Monte Argentario

    Im Mittelalter gehörte der Monte Argentario zur Republik Siena bis Cosimo de Medici von Florenz 1555 zur Eroberung der Nachbarn ansetzte. Die Spanier die die Medici unterstützten, verlangten dafür einige Stützpunkte an der Küste. Und so kam der Monte Argentario zum neuen Stato dei Presidi, einem formell unabhängigen Kleinstaat, der jedoch dem spanischen König unterstand. Porto Ercole auf dem Monte Argentario wurde zum Sitz des spanischen Gouverneurs. Erst beim Wiener Kongress 1815 wurde die Insel endgültig der Toskana zugeschlagen.

    Nun haben wir es nicht dabei gelassen kühle Getränke am Strand von Porto Santo Stefano zu schlürfen. Der Straßenatlas empfahl eine Panoramastraße rund um die Insel. So wurde der Smart gesattelt und auf den Weg Richtung Porto Ercole gestellt. Doch sollte man bedenken, dass Umweltschützer eine starke Stellung am Monte Argentario haben und eine Zersiedelung der Insel weitgehend verhindert wurde. Die meisten Strände sind nur mit dem Boot oder langen Fußmärschen erreichbar. Und damit der Ausflugsverkehr nicht überhand nimmt, wird die Panoramastraße im Standard stetig herabgestuft. Als die Straße immer mehr zum Trampelpfad wird, treffen wir uns mit zwei norditalienischen Touristenpärchen, die auch etwas ratlos aus ihren Autos schauen. Wir beschließen eine Expedition zusammenszustellen und erkunden den Weg der steil auf und abwärtsgeht. Ein ausgetrocknetes Flussbett wäre eine Bowlingbahn dagegen. Der arme Smart mit seinen kleinen Rädern übernimmt die Vorhut und klettert tapfer über Stock und Stein. Leider muss ich mich so auf den Weg konzentrieren, dass ich die atemberaubende Aussicht auf Felsen und Meer kaum genießen kann. Der Mountainbiker, der vorbeibrettert sicher auch nicht. Schließlich erreichen wir Porto Ercole, das Dorf unterhalb der riesigen spanischen Festung.

    Porto Ercole Porto Ercole

    Vor fast genau 400 Jahren kam hier auch Caravaggio mit dem Schiff an. Vier Jahre zuvor hatte der zu Jähzorn neigende Maler seinen Geliebten Ranuccio Tommasoni im Streit erstochen und musste aus Rom fliehen. Seine rastlose Odyssee führet über Neapel und Malta nach Sizilien. Schließlich sandt er ein Gnadengesuch an den Papst. Doch ohne eine Antwort abzuwarten schiffte er sich nach Porto Ercole ein. Nahe an Rom aber eben noch auf spanischem Boden. Was weiter geschah war lange umstritten. Ich hätte ja gesagt, dass er beim Versuch einer Inselumrundung starb. Doch vor kurzem wurden die alten Kirchenbücher wiedergefunden. Nun weiss, dass er am 18. Juli 1610 an einer nicht näher bezeichneten Krankheit, vielleicht Malaria, starb und auf dem Gemeindefriedhof beigesetzt wurde. Seine Überreste wurden erst vor kurzem gefunden. Dass sein Gnadengesuch angenommen wurde hat er nicht mehr erlebt.

    Aber der Monte Argentario ist noch so schön wie damals. Zum Glück ohne Malaria. Nur für die Panoramastraße empfehle ich dringend Allradgetriebe.


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  • Die Sieben Werke der Barmherzigkeit

    Fast wären wir an der kleinen Kirche in der Via dei Tribunali in Neapel vorbeigelaufen. Der Messner sitzt in einer der Kapellen des streng achteckigen Raums und liest Zeitung. Ohne aufzusehen sagt er: „Der Caravaggio hängt in der Mitte.“
    Der Hinweis wäre nicht nötig, denn das Bild von Caravaggio fällt mit seiner Dramatik sofort ins Auge.
    Der Maler Michelangelo Merisi, der unter dem Namen seines Geburtsortes Caravaggio bei Bergamo bekannt wurde, kam 1592 nach Rom wo er sich mehr recht als schlecht als angestellter Maler in großen Werkstätten durchschlug. Er konnte gut Früchte malen und fügte so in Gemälden großer Meister noch die eine oder andere Obstschale zu. Erst als der Kardinal del Monte ihn unterstützte, begann sein Aufstieg. Nun durfte er Porträts malen. Meist von Jünglingen in homoerotischer Pose, die manch frommer Kirchenmann gerne zu später Stunde in einem Hinterzimmer mit rotem Kopf einem intimen Freundeskreis vorführte.
    Sein erster großer Auftrag war ein Bilderzyklus zum Leben Matthäus in der Capella Contarelli in der Kirche San Luigi die Francesi. Und dort gelang ihm mit der Berufung des Matthäus ein Quantensprung in der Malerei. Noch nie hatte man diesen Hell-Dunkel-Kontrast in einem Gemälde gesehen. Die Dramatik die durch die Führung des Lichts die Geste von Jesus unterstützt der auf seinen künftigen Apostel zeigt.

    Die Blickkontakte, die fast physisch zu spüren sind. Es ist als hätte nach Jahrhunderten mit flachen Bildern mit gleichmäßiger Beleuchtung, plötzlich dieser Caravaggio den Schalter gefunden und das Licht, den Spot, in der Kunst eingeschaltet.
    Doch diese Realität in den Heiligenbildern erregt auch viel Mißfallen. In der Figur der Madonna in Sant‘ Agostino wird eine stadtbekannte Hure wiederekannt. Und vielleicht noch schlimmer: die vor ihr knienden Hirten strecken dem Betrachter ihre dreckigen Füße entgegen. Das hat die Kunst bisher noch nicht erlebt.

    Die Berufung Matthäus Die Pilgermadonna
    Caravaggio schwankt zwischen Phasen, in denen er wie ein Besessener malt und wilden Saufgelagen mit Kneipenschlägereien hin und her. Am 28. Mai 1606 ersticht er im Streit Ranuccio Tommasoni, der vermutlich sein Geliebter war. Das ist die Gelegenheit seiner Gegner die Todesstrafe für ihn zu fordern. Und so flieht der Künstler überstürzt nach Neapel.
    Und dort das:
    1601 haben hier Adlige eine Stiftung für Arme gegründet, die bis heute besteht. Die Pio Monte della Misericordia, in etwa als Berg der Barmherzigkeit zu übersetzen. Hier in der Via dei Tribunali, hinter dem Dom hat sie ihren Sitz und hier wird ihre schlichte Kirche errichtet. Überraschend bekommt der Flüchtling Caravaggio den Auftrag für das Altarbild und schafft sein geheimnisvollstes und komplexestes Werk. Die Sieben Werke der Barmherzigkeit. Gemalt von einem Mann, der nicht mehr auf Barmherzigkeit hoffen konnte. Dem erst langsam klar wurde, dass der Rest seines Lebens aus der Flucht vor dem Tod bestehen würde.
    Die Sieben Werke der Barmherzigkeit bestehen laut der katholischen Kirche aus:
    1. Hungernde speisen
    2. Durstige tränken
    3. Fremde beherbergen
    4. Nackte bekleiden
    5. Kranke pflegen
    6. Gefangene besuchen
    7. Tote bestatten
    Caravaggio läßt das alles gleichzeitig in einer engen neapolitanischen Altstadtgasse geschehen. Und wieder bringt er eine ungeahnte Dramatik und Bewegung, allein durch den Einsatz des Lichts, in das Geschehen. Und auch die Thematik ist ungewöhnlich. Eine Frau nährt einen Greis, der seinen Kopf durch Gitterstäbe streckt, an ihrer Brust, und erfüllt damit gleich zwei der Werke. Hinter ihr wird eine Leiche aus dem Haus getragen, mit den Füßen vorraus. Wird der Edelmann, der an dem nackten Bettler vorbeischreitet seinen Mantel mit ihm teilen? Je näher man herantritt um so mehr Figuren erscheinen aus dem Dunklen, deren Rolle im Unklaren beleibt. Über allem tragen zwei Engel die Jungfrau mit dem Kind und haben anscheinend Mühe nicht abzustürzen. Ein ganzer Kosmos eröffnet sich in diesem Werk.
    Die Darstellung ist, gelinde gesagt, überraschend für eine Kirche. Zwei nackte Männerkörper (die Engel) in inniger Umarmung, ein erwachsener Mann saugt an einer entblösten Brust. Doch in Neapel blieb der Skandal aus. Die Leute sind von den Krippen deftigere Szenen gewöhnt.
    David und GoliathEs war eines der wenigen Bilder, die Caravaggio in Neapel schuf. Nach einem halben Jahr floh er, da er die Auslieferung fürchtete, weiter nach Malta und Sizilien. Seine Bilder wurden dort jedoch immer düsterer und unwirklicher. In seinen letzten Bildern scheint er seinen Tod vorauszuahnen. Er malt mehrer Male David mit dem abgeschlagen Haupt von Goliath.

    Dabei ist die furchteregende Fratze aus der das Blut tropft sein Selbstporträt. Eines der Bilder schickt er an den Papst, quasi als Gnadengesuch. Und tatsächlich wird ihm die Gnade gewährt. Nur es ist zu spät, die Mitteilung erreicht ihn nicht mehr. Er hat schon auf gut Glück ein Schiff Richtung Rom bestiegen. Doch strandete er im Hafen von Porto Ercole. Am 18. Juli 1610, mit noch nicht mal 39 Jahren beendet Michelangelo Merisi dort sein intensives, reiches, kreatives Leben. Seine Überreste wurden erst vor kurzem gefunden.

    Vielleicht hat sein Schaffen in dieser kleinen Kirche in Neapel ihren Höhepunkt erreicht.


    Pio Monte della Misericordia, Neapel auf einer größeren Karte anzeigen

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  • Caravaggios Franziskus

    Quirino Briganti, Bürgermeister des kleinen Bergortes Carpineto Romano, in den Monti Lepini südöstlich von Rom ist enttäuscht. Gerne hätte er schon im 400ten Todesjahr des großen Malers Caravaggio dessen Porträt des Heiligen Franziskus in seiner Gemeinde gezeigt.

  • 2010 war das 400te Todesjahr von Michelangelo Merisi, der besser unter dem Namen seines Heimatortes Caravaggio bekannt ist. Daher waren zahlreiche seiner Bilder, die in verschiedenen Museen und Kirchen in Rom hängen für Ausstellungen in ganz Europa ausgeliehen. Nun sind alle wieder an den Tiber zurückgekehrt und die Fans des Barockmalers können sie wieder vor Ort genießen.

  • Nach dem 400ten Todesjahr (2010) des Barock-Malers Michelangelo Merisi, genannt Caravaggio (*29.9.1571 - 18.7.1610), sind alle seine Werke, die in Sonderausstellungen in ganz Europa ausgeliehen waren, wieder zurück und können wieder in Rom bewundert werden. Hier finden Sie die Orte.

  • Frohe Weihnachten und ein Gutes Neues Jahr aus Rom

    wünsche ich allen Romfreundinnen und Romfreunden mit der Pilgermadonna von Caravaggioin der Kirche Sant'Agostino.

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