Die Ewige Stadt

Rom, das ist das Sehnsuchtsziel der Deutschen. Keine andere Stadt war im letzten Jahr das Ziel von sovielen Touristen. Zu Recht. Denn nirgends auf der Welt bekommt man soviel Kunst und Geschichte hautnah geboten. Rom war der Ausgangspunkt, von dem aus Europa immer wieder erfunden wurde.

Das Römische Reich brachte zum ersten Mal Kultur, Lebensstandard und Sicherheit für den ganzen Kontinent. Danach trat das Christentum von Rom aus seinen Siegeszug an. Und als Martin Luther gegen den Papst mobil machte, konterte Rom mit der Erfindung des Barock.

Folgerichtig erlebte die Europäische Union 1957 ihre Geburtsstunde auf dem römischen Kapitol.

Doch Rom ist mehr als Kolosseum und Petersdom, als Forum Romanum und Spanische Treppe. Rom ist auch mediterrane Lebensart, Mode und italienisches Essen.

Mein Rom besteht aus den vielen Geschichten, die man in jeder Gasse entdecken kann. Von Päpsten und ihren Mätressen, von bigotten Mönchen und leichten Mädchen, von Künstlern und Baumeistern, von Adeligen und Leuten aus dem Volk. Fast 3000 Jahre haben sie in Rom überall ihre Spuren hinterlassen. Das ist es was die Geschichte in Rom so lebendig werden lässt.

 

Stadtführung durch die Römischen Altstadt

Ein unbekanntes Kloster in Rom

San Lucia in Selci 1748
Es gibt Kirchen in Rom, vor denen täglich tausende Touristen Schlange stehen. Andere werden von den Besuchern wahrscheinlich nicht mal als Gotteshaus wahrgenommen wenn sie sich vor deren Fassade in einer abgelegenen Gasse wie der Via in Selci verirren. Santa Lucia in Selci bewahrt bis heute seine frühmittelalterliche Fassade, die kaum auf einen Kirchenbau hinweist.

Im Mittelalter hatte die Via Labicana als eine der letzten Straßen aus der römischen Antike noch ihr Pflaster bewahrt. Das war so erwähnenswert, dass das von Papst Symmachus (498 bis 514) in der Nähe gegründete Kloster Santa Lucia den Beinamen „in Selci“, am Pflaster, bekam.
Santa Lucia in Selc, FassadeSanta Lucia in Selc, Fassade
Ich habe Glück. Vor dem Eingang des Klosters Santa Lucia in Selci wartet ein junger Mann von der ENEL, der italienischen Elektrizitätsversorgung auf Einlaß. Nach kurzer Unterhaltung erklärt er sich bereit, mich in das ansonsten für die Öffentlichkeit geschlossene Kloster mit „einzuschleusen“. Als endlich nach langem Warten eine Nonne die Pforte öffnet, wimmelt sie überraschenderweise den Stromableser zügig wieder ab und zeigt wesentlich mehr Verständnis für meinen Wunsch die Kirche zu fotografieren. Nicht ganz zu Unrecht gelten kirchliche Einrichtungen in Rom als äußerst schlechte Zahler von Strom- und Wasserrechnungen. Der ehemalige Bürgermeister Rutelli hatte schwere Verstimmungen mit dem Vatikan riskiert, als er die Bezahlung von seit den 50er Jahren offenen Abwasserrechnungen verlangte. Der beleidigte Papst Johannes Paul II sagte daraufhin ein Dutzend Gottesdienste in Rom ab, ignorierte aber weiterhin die Mahnbescheide.

Also mein Glück, dass ich im Vergleich der angenehmere Besucher war. Doch zu einem Gespräch ist die Schwester nicht aufgelegt. Fragen nach dem Architekten Francesco Borromini kontert sie mit einem kurzen Fingerzeig auf die von ihm geschaffene Cappella Landi. Dann steckt sie ihre Nase in ihr Gebetbuch als unmißverständliches Zeichen, dass die Unterhaltung beendet ist. Schon gar nicht möchte sie über den Reliquienhandel sprechen. Das Kloster gilt als letzte Umsatzstelle der katholischen Kirche für die Überreste ihrer Märtyrer. Wer z.B. den Schienbeinknochen eines Heiligen erwerben möchte muss sich an dieser Anlaufstelle einfinden. Nun gut, vielleicht kann ich ein anderes Mal mehr zu diesem interessanten Thema recherchieren.

Die barocke Umgestaltung der Kirche ist dafür offensichtlicher. Im 16. Jahrhundert übernahmen die Schwestern des Augustinerordens das uralte Gebäude. 1596 beauftragten sie den vom Luganer See stammenden Architekten Carlo Maderno mit der Neugestaltung ihrer Kirche und des Klosters. Maderno gehörte zu einer ganzen Architektendynastie, die aus dem heutigen Tessin nach Rom kam, um der Ewigen Stadt ihren Stempel aufzudrücken. Er arbeitete zuerst in der Werkstatt seines Onkels Domenico Fontana. Als dieser wegen Unterschlagungen Rom verlassen musste, übernahm er dessen Geschäfte. Ein Auftakt zu einer steilen Karriere, die Maderno 1603 bis zum Baumeister des Petersdom führte. Die Baustelle in der Via in Selci lief spätestens dann wohl nur noch nebenher und kam sehr schleppend voran. 1637 „erbte“ Francesco Borromini den unvollendeten Bau von seinem zwischenzeitlich verstorbenen Onkel Carlo Maderno. Für ihn hatte Santa Lucia in Selci sicher weit größere Bedeutung. Er hatte gerade im Streit seinen Chef Gian Lorenzo Bernini verlassen. Einen Streit, den beide mit viel Herzblut bis zu ihrem Tod weiterführten. Borromini war dringend auf Aufträge angewiesen.
Santa Lucia in Selci, Cappella LandiSanta Lucia in Selci
Borromini gestaltete den Innenraum der Kirche. Doch wer hier die geschwungenen, verdrehten und verschränkten Formen erwartet, für die der kreativste Architekt Roms bekannt wurde, wird enttäuscht sein. Die Formgebung ist noch ganz dem strengen Barock seiner lombardischen Heimat (zu dem damals noch das Tessin gehörte) verhaftet. Die mit Bildmedaillons belegten Pfeiler der Cappella Landi, sein Hauptwerk in der Kirche, erinnern noch an die Renaissance. Doch die ganz unborromineske Ausstattung hat eine angenehme elegante Ausstrahlung.

An der Außenfassade kam die Barockisierung nur in einem relativ bescheidenen Portal zum Ausdruck. Ansonsten zeigt sie sich noch so, wie sie im 6. und 7. Jahrhundert geschaffen wurde, als mehr auf Wehrhaftigkeit, denn auf Schmuck Wert gelegt wurde. Doch wer genau hinsieht, entdeckt noch ältere Spuren. Im östlichen Drittel der Fassade zeichnen sich deutlich zugemauerte Arkaden ab. Die Reste eines antiken Gebäudes.

Auf die Spur dieses Baues kommen wir, wenn wir uns die Forma Urbis Romae anschauen. Diese war ein riesiger und ausgesprochen genauer Stadtplan Roms, der unter Kaiser Septimus Severus Anfang des 3. Jahrhunderts in Marmorplatten geritzt wurde. 1.186 Scherben wurden bisher gefunden und in jahrelanger noch nicht abgeschlossener Arbeit lokalisiert und identifiziert. Doch wir haben Glück. Der Standort unseres Klosters findet sich auf einem Fragment wieder. Die Via in Selci war damals der Clivus Suburanus. Das Gebäude, das an ihn angrenzt, ist sogar deutlich lesbar beschriftet. Es ist die Porticus Liviae, über deren Entstehung wir recht gut Bescheid wissen.

Publius Vedius Pollio kam aus einer Familie freigelassener Sklaven und erwarb im ersten Jahrhundert vor Christus unermeßlichen Reichtum. Er war für seine ausschweifenden Feste bekannt. Da er sich Kaiser Augustus, der ihn förderte, verpflichtet fühlte, vererbte er ihm sein Anwesen am Esquilin in Rom. Augustus errichtete darauf zu Ehren seiner Frau Livia einen öffentlichen Garten mit einem ihn umgebenden Säulengang ein. Eben die Porticus Liviae. Die Anlage von der Größe eines Fußballfeldes war mit Bäumen bepflanzt. Zwischen Blumenbeeten standen Statuen und in der Mitte war ein großer Brunnen. Ein beliebter Erholungspark im damals schon lauten und chaotischen Rom, der von dessen Bürgern bis zum Ende des Römischen Reichs gerne genutzt wurde. In der Völkerwanderungszeit wurde das grüne Kleinod zerstört. Erst Anfang des 6. Jahrhunderts wurde in einem Winkel des Säulengangs das bescheidene Kloster eingerichtet. Ich habe einmal versucht, das Stück der Forma Urbis über den heutigen Stadtplan zu legen. Die Porticus ist heute noch gut in der Form der Gebäude ablesbar und zeigt die Kontinuität der Stadt über mehr als 2000 Jahre.

Stadtführung durch die Römischen Altstadt

Stück der Forma UrbisLage des KlostersPorticus Liviae in der heutigen Stadt

Wo wohnte eigentlich der Apostel Paulus in Rom?

Case di PaoloIch weiß nicht, ob ihr euch diese Frage schon mal gestellt habt. Falls ihr nach Rom reisen wollt, ist euch wahrscheinlich die Frage wichtiger, wo ihr denn in Rom wohnen werdet. Für die Menschen im Mittelalter war das anders. Die zerbrachen sich ganz gewaltig den Kopf ,wo der zweit wichtigste Apostel nach Petrus in Rom genächtigt hat, galt dieser Ort doch als verehrungswürdig. Paulus kam als Gefangener nach Rom, da er als römischer Bürger nach seiner Verhaftung an den Kaiser appellieren konnte. Doch man steckte ihn nicht in einen Kerker, sondern erlaubte ihm, zusammen mit einem Soldaten, der ihn bewachte, eine Mietwohnung zu beziehen. Wohlgemerkt, das ist eine wenig gesicherte Legende. Man nahm an, dass er im Wohnviertel der Juden am Tiberufer wohnte, das nach seinem feinen Sand lateinisch Arenula hieß. Der Name schliff sich über die Jahrhunderte zum heutigen Regola ab. Man kann sich darüber streiten, ob sich Paulus mehr als Christ oder als Jude gefühlt hat, aus der Apostelgeschichte im Neuen Testament geht jedoch klar hervor, dass er auf seinen Reisen praktisch ausschließlich in Synagogen gesprochen hat und in jüdischen Gemeinden gewohnt hat.

Jedenfalls ist das Zimmer, in dem Paulus gewohnt haben soll, heute eine Kapelle in der Kirche San Paolo in Regola; einer Kirche, die allerdings erst 1186 in einer Papstbulle erstmals erwähnt wurde. 1728 wurde die Kirche von Giacomo Ciolli und Giuseppe Sardi barock neu erbaut. Das Zimmer des Paulus hat dabei jede antike Atmosphäre verloren. Aber schon im Mittelalter konnten die Römer sich nicht recht vorstellen, dass der Apostelfürst in dieser Kammer gehaust haben soll. So bekam ein Komplex von sieben gotischen Wohnhäusern aus dem 12. Jahrhundert in der Nachbarschaft den Namen „Case di San Paolo“. Für den Bau des neuen Justizministeriums ab 1913 sollten sie eigentlich abgerissen werden, doch eine Bürgerinitiative wehrte sich erfolgreich dagegen. So sind sie heute, ein bisschen überrenoviert, in das Ministerium mit einbezogen und geben einen guten Eindruck vom Stadtbild Roms im Mittelalter.

San Paolo alla Regola San Paolo alla Regola

Doch wer tatsächlich antike Gebäude sucht, kommt in diesem Viertel auch auf seine Kosten. Als die Gemeinde Rom in einem Nachbarhaus von San Paolo eine Kinderbücherei einbauen wollte, stieß man auf Mauern aus der Zeit von Kaiser Septimius Severus (193 - 211), die sich über vier Stockwerke, zwei im Untergeschoss, zwei über der Erde, erstrecken. In dieser Zeit wurden Lagerhäuser, die hier am Flusshafen standen, in Wohnhäuser umgebaut. Nach einem Brand wurden diese Häuser in der Zeit von Kaiser Konstantin erneuert und die Mauern verstärkt. Im Mittelalter wurde eines der Häuser in ein Haus mit Turm, ähnlich der zuvor beschriebenen Häuser umgebaut. Heute kann man hier eine erstaunliche Kontinuität über fast 1800 Jahre besichtigen.

Doch ob Paulus hier gewohnt hat? Die Frage können wir leider nicht klären. Genauso wenig wie die, ob alle seine vielen Briefe tatsächlich von ihm stammen. Einer geht jedenfalls nachweislich auf Robert Gernhardt zurück:

Paulus schrieb den Irokesen:
Euch schreib ich nichts, lernt erst mal lesen.
Case di Paolo

Aus drei Tempeln mach eine Kirche

san-nicola-nach-vasi.jpg

Stadtführung durch die Römischen Altstadtsan-nicola-in-carcere-002.jpg

weitere Fotos

Das Gebiet zwischen dem Kapitolshügel und dem Tiber ist selbst für römische Verhältnisse ausgesprochen reich an Zeugnissen und Kunstschätzen aus gut 2.500 Jahren. Eigentlich zu schade, dass die meisten Touristen nur in einem langen Treck zum Wahrheitsmund, der Bocca della Verità, wandern und bestenfalls einen müden Blick zum Marcellustheater werfen. Gut die Via Petroselli hat durch die Umbauten unter Mussolini ihren mittelalterlichen Charme eingebüßt, den man jedoch in den Seitengassen nach wenigen Metern wieder findet. Doch durch die Ausgrabungen ab den 1930er Jahren haben wir auch viel über die Römische und damit Europäische Geschichte erfahren.

Hier an dieser Uferebene lag in grauer Vorzeit, als Rom die Ansammlung bescheidener Hirtendörfer auf den berühmten sieben Hügeln war der erste Hafen, oder besser eine Landestelle für Handelsboote. Und so entstand der erste Marktplatz Roms. Später aufgeteilt in das Forum Boarium, den Viehmarkt, und das Forum Holitorium, den Gemüsemarkt. Hier bekam Rom zum ersten Mal Kontakt mit dem Rest der Welt. Vor allem griechische Kaufleute siedelten sich an. Den griechischen Einfluß spürt man noch heute, stehen doch in diesem Viertel noch zwei griechisch-orthodoxe Kirchen.

Säulen der Spes in der FassadeBereits in der Zeit der Römischen Republik standen hier zahlreiche Tempel und öffentliche Gebäude. Das Forum Holitorium war durch die Fassaden von vier nebeneinander stehenden Tempeln begrenzt. Der nördlichste, der Tempel der Pietas, der Ehrfurcht vor den Göttern, der allerdings selbst keine Ehrfurcht genoss, sondern 23 v.Chr. von Augustus für den Bau des Marcellustheaters abgerissen wurde. Südlich davon stand der Tempel des Janus, des Gottes von Anfang und Ende, der dem Monat Januar seinen Namen gab. Er entstand während des Ersten Punischen Kriegs (264 - 241 v. Chr.). Anschließend der Tempel der Juno Sospita, der wichtigsten römischen Göttin in ihrer Form als Beschützerin des Staates, der um 195 v. Chr. erbaut wurde. Und schließlich der Tempel der Spes, der Göttin der Hoffnung, aus der gleichen Zeit wie der Janustempel. Sie bildeten für mehr als ein halbes Jahrtausend einen recht optimistischen Götterreigen bis sie Ende des 4. Jahrhunderts in Rente geschickt wurden. Im Jahr 395 verbot Kaiser Theodosius die heidnischen Religionen und ließ die Tempel schließen.

In das Podium des Spestempels wurde eine kleine Kapelle eingebaut, deren Reste heute noch zu sehen sind. Das Fresko in der Apsis ist leider verschwunden.

Plan nach Lanciano

Dann begann die Dunkle Zeit, aus der nur noch wenige Nachrichten zu uns dringen. Germanen und Byzantiner kämpften um Rom und trugen dazu bei, dass die antike Millionenstadt zur mittelalterlichen Kleinstadt herabsank. Im Bereich der Tempel des Forum Holitorium fand man Gräber aus dem 6. Jahrhundert. Das uralte Gesetz, dass man innerhalb der Stadt keine Toten begraben durfte wurde nicht mehr beachtet. Und irgendwann, vermutlich im 7. oder 8. Jahrhundert, zog in den Tempel der Juno eine christliche Kirche ein. Der Tempel des Janus wurde statt dessen als Gefängnis genutzt. Dies klingt noch im Namen der modernen Kirche (in Carcere = beim Gefängnis) nach. Im Jahr 1087 hatten Seeleute die Gebeine des Heiligen Nikolaus in Myra, in der heutigen Türkei gestohlen und ins süditalienische Bari gebracht, wo sie noch heute im Dom ruhen. Nur wenige Monate darauf wurde die Kirche im Junotempel eben diesem Nikolaus geweiht. Einmal da er als Patron der Gefangenen hier am richtigen Ort war, zum zweiten da er vor allem in der östlichen Kirche verehrt wurde und in diesem römischen Stadtteil noch immer viele griechische Kaufleute wohnten. Die Tradition, dass Nikolaus die Kinder an seinem Gedenktag beschenkt entstand erst viel später.

Ausgrabungen unter San Nicola

Papst Honorius nahm den Einzug des Nikolaus wohl zum Anlass und ließ die Kirche vergrößern. Dabei nutzte man wiederum die alten Tempel, die wohl noch weitgehend intakt waren. Die Zwischenräume zwischen den Tempeln wurden zu den Seitenschiffen der Kirche und die Säulenreihen der Nachbartempel vermauert und als Auswände genutzt. Der Rest dieser Tempel wird wohl als Baumaterial für die mittelalterlichen Häuser verwendet worden sein, die neben der Kirche entstanden. Giuseppe Vasi, der fleißige Vedutenmaler des 18. Jahrhunderts zeigt die Kirche an einem kleinen, eng bebauten Platz. Nur eine Säule an der Fassade, die 1599 von Giacomo della Porta vorgesetzt wurde, erinnert noch an die alten Tempel. Erst als Mussolini in den 1930er Jahren die Straße verbreitern ließ und dafür die Häuser fielen, stieß man wieder auf die drei alten römischen Götter. Die Säulen sind heute an der Seitenfassade der Kirche wieder sichtbar und erinnern daran, dass Nikolaus nur zu Gast bei Juno ist. In den Ausgrabungen unter der Kirche kann man zu den Fundamenten der alten Tempel vorstossen.

Ein alter Brauch der noch lange im Mittelalter gepflegt wurde geht vielleicht sogar auf Juno als Göttin der Geburt zurück. Mütter gaben hier in der Kirche ihre überschüssige Milch ab, damit man damit Findelkinder nähren konnte.

Sie haben Interesse an der Besichtigung der Ausgrabungen unter San Nicola? Siehe Stadtführung Nr. 10

oder Auskunft unter: Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!


San Nicola in Carcere, Roma auf einer größeren Karte anzeigen

zurück

______________________________________________________________________________________________________


Natürlich geht Nicola mit mir zu Perilli. Das Lokal an der Via Marmorata in Rom ist für ihn auch ein Stück Familiengeschichte, denn schon als kleiner Bub war er oft am Samstagabend mit Mamma und Papa hier zum Essen. Perilli wird auch in zahlreichen Reiseführern empfohlen und als typisch römische Trattoria verklärt, doch ich bin da neutraler, das heißt eher skeptischer. Ich muss zugeben, dass die Umstände etwas misslich waren. Der Chef setzt uns an einen Tisch an dem es zog. Ich bin da eigentlich nicht so empfindlich. Doch nach einem nieseligen Novembertag in Rom wünscht man sich eigentlich einen gemütlichen Abend vor einem bollernden heißen Ofen und nicht einen gut durchlüfteten Raum, in dem bei jedem Türöffnen der November sich wieder in Erinnerung bringt. Er schleicht herein fährt kalt unter dem Hemd den Rücken hinauf und flüstert ins Ohr: „Auch wenn du vor einer Wand mit einer aufgemalten Frühlingslandschaft sitzt, draußen auf der Straße warte ich, der nasskalte November.“ Und bei Perilli geht die Tür oft auf. Bald wird jeder, der seinen Kopf zur Tür hereinsteckt um nach einem freien Tisch zu schauen, oder der zum Zigarettenrauchen vor die Tür geht, zum persönlichen Feind.
Zur klimatischen kommt noch die akustische Belästigung. Denn direkt über unserem Tisch hängt das altertümliche Telefon. Alle fünf Minuten fallen mir vor Schreck die Rigatoni von der Gabel, wenn der Fernsprecher schrillt. Dann hangelt ein Kellner über unsere Pastateller nach dem Hörer und brüllt kurz darauf zum Padrone am Tresen hinüber, ob übermorgen noch ein Tisch für fünf frei wäre. Der alte Mann blättert in einem großen Buch und brüllt zurück: „Ja, aber erst ab 9.“ Maurizio kann mich nur mit Mühe davon abhalten, beim nächsten Klingeln selbst abzuheben und dann zu sagen: „Nein, Perilli gibt es nicht mehr. Hier ist der China-Imbiss Hop-Sing.“

Diese Umstände haben sicher dazu beigetragen, dass ich das Essen, u.a. Rigatoni alla Pajata (siehe unten) eher so-na-ja fand. Aber tatsächlich war die namensgebende Fleischbeilage in kaum merkbaren Dosen den Nudel beigefügt.
Doch für viele Touristen wären diese Dosen schon zu hoch gewesen. Denn für Besucher aus dem Norden ist es oft gewöhnungsbedürftig, dass die Spezialitäten der Trattorien am Testaccio eben vor allem aus Innereien bestehen. Aber das ist die traditionelle, römische Küche. Jahrhunderte lang wurden unzählige Rinder, Schweine und Schafe geschlachtet, um mit den besten Stücken die Tafeln der Kardinäle zu beliefern. Dem Volk blieben die Innereien, das sogenannte Quinto Quarto, das fünfte Viertel. Und am Testaccio saß man an der Quelle, denn hier stand der Schlachthof von Rom. Auch wenn der vor einigen Jahren aufgelöst wurde und Platz für Kunstgalerien und Ateliers freigab, so findet man doch in keinem anderen Viertel Roms soviele so römische Wirtshäuser. Und das Quinto Quarto ist die Quelle ihrer Spezialitäten.

Der Testaccio ist dieser eigentümliche Hügel, der nicht zu den sagenhaften sieben der Ewigen Stadt zählt. Eigentlich eine Müllhalde. Unterhalb am Tiber war der Hafen Roms. Schon lange vor Julius Cäsar wurde hier Getreide aus Afrika, Wein und Olivenöl aus Sizilien angelandet. Eine Heerschar von Trägern schaffte die Waren von den Schiffen in die riesigen Lagerhäusern. Ein spezieller Trupp stand bereit um in den Fluss gefallene Waren zu bergen. Und doch ließ es sich nicht vermeiden, dass immer wieder eine Amphore auf den Kaimauern zerschellte. Fast ein Jahrtausend bis zum Ende des Römischen Reichs wurde hinter dem Tiberhafen Tonscherbe zu Tonscherbe geworfen und so bekam Rom seinen achten Hügel, den Monte Testaccio. Benannt nach den Testae, lateinisch für Scherben.
Seit der Barockzeit wurde der Berg zum Ausflugsziel. Und bis heute reihen sich Clubs und Discos an der Straße, die sich schneckenförmig den Hügel hinaufwindet, aneinander. Auch wenn die gößte Zeit vorbei ist, müssen am Samstag abend Polizisten den Autoverkehr der Nachtschwärmer in geordnete Bahnen lenken. In den achziger Jahren hätte Ministerpräsident Craxi im Alibi, der ältesten Schwulendisco Roms, an manchen Abenden problemlos eine beschlußfähige Kabinettsitzung zusammenbekommen. Heute treffen sich die Studenten lieber in den angesagten Clubs in San Lorenzo und die Prominenten in ihren Villen auf Sardinien.
Zwei Tage später haben wir noch einmal die Küche des Testaccio getestet. Das Da Bucatini konnte überzeugen. Die deutlich entspannteren Kellner servierten eine ordentliche Portion von Darmkringeln vom Milchkalb, der Pajata, die geschmeckt hat. Auch das große Buffet mit allerlei Antipasti war lecker.
Falls ihr mal in einer Trattoria am Testaccio einen Tisch bestellen wollt und jemand mit deutschem Akzent erzählt, hier sei jetzt ein China-Imbiss. Glaubt es einfach nicht.

Rigatoni con la Pajata

800 g Pajata (Dünndarm vom Milchkalb oder Lamm)
200 g Rigatoni
50 g durchwachsener Speck
400 g Tomaten
1 Zwiebel
1 Stange Sellerie,
1 Bund Petersilie, Knoblauch, Nelken
1 Glas trockener Weißwein
Olivenöl, Essig
100 g geriebener Pecorino

Den Darm in ca. 15 cm lange Stücke schneiden und mit Küchenfaden zu Kringeln zusammenbinden und mit Essig marinieren.
Die Zwiebel, die Selleriestange, den Speck, und die Petersilie kleinschneiden und mit zwei Knoblauchzehen in Olivenöl anbraten. Nach einigen Minuten den Knoblauch entfernen und die Pajata dazugeben. Mit Salz, Pfeffer und einer Gewürznelke würzen und mit dem Wein ablöschen.
Die abgezogenen und in Würfel geschnittenen Tomaten dazugeben und 2 Stunden auf niedriger Flamme kochen. Bei Bedarf mit etwas Wasser aufgiessen.
Die Rigatoni nach Angaben auf der Packung kochen und auf vorgewärmten Tellern anrichten. Die Soße darauf verteilen und den geriebenen Pecorino dazu reichen.

Ein Kilometer südlich des Hauptbahnhofes Termini in Rom steht ein eigenartiges antikes Gebäude. Ein zehneckiger großer Saal mit 24 Metern Durchmesser, mit großen Fenstern und Apsiden.

Die Ruine wird als Tempel der Minerva Medica bezeichnet, auch wenn man heute sicher ist, dass es dies genau nicht war. Es bekam seinen Namen nach der Götterstatue der Minerva Giustiniani, die dort im 17. Jahrhundert gefunden wurde und heute im Vatikanischen Museum steht. Die Ruine wird heute in der Regel als Nymphäum, also Brunnenhaus bezeichnet, auch wenn es dafür genauso wenig stichfeste Hinweise gibt. Vermutlich war es Teil der Horti Liciniani, der Gärten der Familie der Licinier und wurde möglicherweise in der Regierungszeit des Kaisers Gallienus (253 - 268) erbaut. Ein Kaiser, der nicht zu den fähigsten und glücklichsten zählte. In seiner Regierungszeit brachen die Barbaren in großer Zahl ins Römische Reich ein. Während des Krieges gegen die Goten fiel er einer Verschwörung zum Opfer. Warum dieses aufwändige Gebäude errichtet wurde, ist immer noch ein Rätsel. Die Kuppel, eine der größten der römischen Antike, inspirierte die Architekten der Renaissance. 1828 fiel sie plötzlich und ohne Vorwarnung ein. Damals stand die Ruine, zwar knapp innerhalb der antiken Stadtmauer aber einsam umgeben von Gemüsefeldern.

Noch andere Statuen wurden im Umfeld der Ruine ausgegraben. Darunter zwei Magistraten, die gerade ein Taschentuch werfen und damit den Startschuss für die Pferderennen im Circus Maximus geben. Man findet sie heute im Kapitolinischen Museum.

Heute sind die Gleise der Eisenbahn an die Ruine herangerückt und die Straßenbahn tuckert direkt vorbei. Der Bau, der die Archäologen immer noch ratlos lässt, liegt vergessen im römischen Verkehr.

 

Das Glück des heutigen Tages

Stadtführung durch die Römischen Altstadt

Der Largo Argentina ist ein geschäftiger Platz mitten in der römischen Altstadt. Menschen hetzen aus den Bussen, die hier halten, zur modernen Straßenbahn hinüber, Autos hupen die Vespas zur Seite und eine Ambulanz mit Blaulicht drängelt sich zusätzlich durch das Gewühl. Ich muss zugeben, mein Lieblingsplatz am Largo Argentina ist die riesige Buchhandlung Feltrinelli. Doch heute drehe ich mich vor dem Bücherparadies noch ein mal um und entschließe mich noch für einen Moment die Februarsonne zu genießen.
Largo Argentina
Der Largo della Torre Argentina, wie er ausgeschrieben heißt, ist nicht nach dem südamerikanischen Staat genannt sondern nach einem Turm, den Johannes Burckard, um 1450 im Elsaß geboren, sich hier errichten ließ. Burckard war als junger Mann Schreiber beim Bischof von Straßburg. Als eine Urkundenfälschung aufflog musste er jedoch fliehen und es verschlug ihn nach Rom. Er war ein heller Kopf und so schaffte er es schnell sich in der päpstlichen Familie hochzuarbeiten bis ihn Sixtus IV. zu seinem Zeremonienmeister machte. Er musste nicht nur dafür sorgen, dass bei den zahlreichen Kirchenfesten die Weihrauchfässchen an der richtigen Stelle geschwenkt wurden, er hatte auch Zugang zu Klatsch und Tratsch im innersten Zirkel des Vatikans. Und den notierte er in seinem Tagebuch fleißig mit. Sein Liber Notarum trug entscheidend zum schlechten Ruf des Borgia Papstes Alexander VI. bei. Doch wieviel davon wahr ist und aus welcher Mitteilung nur der Neid desjenigen spricht, der bei den Orgien vor der Tür bleiben musste, sei dahingestellt. Ende des 15. Jahrhundert baute er sich den standesgemäßen Palazzetto del Burcardo, der noch heute in der nahen Via del Sudario zu sehen ist. Den dazugehörigen Turm nimmt man nur noch im Innenhof wahr. Die Römer nannten ihn Torre Argentina, nach dem lateinischen Namen Argentoratum für Burkhards Heimatstadt Straßburg.

Eine Straßenbahn hält mit leisem Surren vor dem Teatro Argentina. In dem traditionsreichsten Schauspielhaus Roms wurde 1816 die berühmte Oper „Der Barbier von Sevilla“ von Rossini uraufgeführt. Ein denkwürdiges Ereignis bei dem so ziemlich alles schief ging, was schief gehen kann. Dem Almaviva rissen bei seinem Gitarrenständchen die Saiten, der Basilio stolperte bei seinem Auftritt und fiel der Länge nach auf die Bühne und plötzlich stolzierte eine Katze zwischen den Beinen der Sänger hindurch. Als der Vorhang fiel johlte und schrie das Publikum vor Vergnügen, wenn auch nicht über die Einfälle des Komponisten, sondern die des Schicksals.
Teatro Argentina
In der Mitte des Largo Argentina leben die Nachfahren der Katze die Rossini in den Wahnsinn trieb. Ein Rechteck des Platzes ist ausgespart und bietet einen Blick in die Vergangenheit. Ab 1926 wurden hier uralte Tempel ausgegraben zwischen deren Ruinen heute zahlreiche Katzen spielen oder in der Sonne dösen. Man fand die Reste von Tempeln die in die Anfangszeit Roms zurückreichen. Der älteste der ca. 300 v.Chr. gebaut wurde, war der uralten Erdgöttin Feronia, der Blumenliebenden, geweiht. Der zweitälteste wurde 241 v.Chr. für die Quellnymphe Juturna errichtet. Sie war die Geliebte des Jupiter und bekam von ihm die Gewässer Latiums geschenkt. Doch sie gab das Wasser gerne weiter an die Römer. Nur wenige Meter nördlich standen die Thermen des Agrippa, das erste große öffentliche Bad der Stadt, in dem sich vom Senator bis zum Sklaven alle, bei freiem Eintritt im warmen Wasser entspannen konnten. Zwischen den zwei Tempeln baute Quintus Lutatius Catulus im Jahr 101 v.Chr. einen Rundtempel für Fortuna Huiusce Diei, der Göttin des „Glücks des heutigen Tages“. Was für eine geniale Idee. Ein Tempel für den glücklichen Moment im Jetzt. Catulus meinte mit diesem Glücksmoment wohl den Sieg über die nach Italien eingefallenen Kimbern in diesem Jahr. Doch er mußte lernen, dass sein Glücksmoment eben nur für diesen Tag galt. Er glaubte, dass das Volk dem Marius, dem zweiten an der Schlacht beteiligten Feldherren, mehr zujubelte als ihm, als sie im Triumphzug durch Rom zogen. Dieser Neid setzte sich fest und lies die zwei zu erbitterten Gegnern werden. 14 Jahre später trieb Marius den Catulus schließlich in den Selbstmord. Und eine Generation später erlebte die Fortuna noch einen geschichtsträchtigen Mord. Am 15. März des Jahres 44 v.Chr. stieg am Fuß des Fortuna-Heiligtums Julius Cäsar aus seiner Sänfte um die Stufen zur direkt dahinter stehenden Kurie des Pompeius hinaufzusteigen. Die Unterkonstruktion der Treppe ist noch gut am Largo Argentina zu erkennen. Er lief seinen Mördern direkt in die Arme. Schaute da die Fortuna weg, oder hatte sie doch die Finger mit im Spiel? Manche Historiker glauben, dass Cäsar an seinem Attentat mitinszeniert hat. Sein Leiden an Epilepsie, ließ ihn langsam zum Scheitelpunkt seiner Karriere kommen. Hat der geniale Taktiker das Komplott der Senatoren für einen großen Abgang genutzt? Er hatte genügend Warnungen vor dem Attentat bekommen. Die letzte, auf einem Fetzen Papier geschrieben, wurde ihm auf dem Weg zum Senat zugesteckt. Er hielt ihn bei seinem Tod noch in der Hand. Trotzdem hatte Cäsar an diesem Tag ausdrücklich auf seine Leibwache verzichtet. Als er unter den Dolchstichen der Senatoren zusammenbrach ordnete er noch seine Toga. Wußte er, dass er in diesem Moment unsterblich geworden war?

Mir gefällt dieser geschichtsträchtige Ort. Die Göttinnen hier waren freundlich und den Menschen wohlgesonnen. Sie versprachen keine Erlösung und verlangten kein Märtyrertum. Sie verschenkten ein bißchen Lebensfreude an alle ohne Ansehen der Person. Welch Kontrast, wenn man sieht, wie in der nahen Kirche Sant'Andrea dell Valle der Heilige Andreas in qualvollen Szenen seines Todeskampfes gezeigt wird und an der Fassade von Il Gesù der Heilige Ignazius seinen Fuß einem Ketzer in den Nacken drückt. 400 Jahre nach Cäsars Tod hatten die Christen die alten Religionen besiegt. Sie zerrten die Statue der Fortuna aus ihrem Tempel und ließen die Stücke im Schutt liegen. Das Glück wurde vom „heutigen Tag“ auf irgendwann später, nach dem Jüngsten Gericht, verschoben. 1928 wurde ihr Kopf gefunden und ins Kapitolinische Museum gebracht.
Largo Argentina - Bergung des Kopfes der Fortunaam Largo Argentina
Doch wenn ich mich so umschaue, dann wirkt die Fortuna doch weiter über die Jahrtausende hinweg. Ob es nun die junge Inderin mit dem Handy am Ohr ist, die dort am Geländer der Ausgrabungen lehnt und ein inniges Gespräch mit jemand in der Heimat führt. Ob es die Besucher der Thermen waren, die im Dampfbad ihre Sorgen vergaßen. Ob es der Bettler ist der mit einem Lächeln auf einer Parkbank schläft oder die Besucher der denkwürdigen Opernpremiere. Ob es Catulus war, der seinen Triumphzug genoß, oder der arme elsässer Bauernbub Johannes Burkhard, der in Rom Karriere machte, oder der junge Vater dort drüben, der mit seinen Kindern herumtobt. Alle haben oder hatten Teil am „Glück des heutigen Tages“. Vielleicht sogar Cäsar.


Largo Argentina, Roma auf einer größeren Karte anzeigen

zurück

______________________________________________________________________________________________________

In einer Gasse versteckt, nicht weit vom Hauptbahnhof Termini entfernt, befindet sich eines der ältesten Stadttore Roms. Es gehörte zur Servianischen Mauer, die von König Servius Tullius im 6. Jahrhundert vor Christus errichtet worden sein soll. Durch die Porta Esquilinia, wie man das Tor damals nannte, verließ man auf der Via Labicana die Stadt Richtung der Albaner Berge. Kurz vor Christi Geburt, ließ sich Gaius Maecenas, Berater und Vertrauter Augustus, vor dem Tor eine große Parkanlage anlegen. Maecenas war bekannt für die Förderung junger Dichter, was in der Bezeichnung der Mäzen bis heute nachklingt. Von einem Turm in den Maecenas-Gärten soll Nero den Brand von Rom beobachtet haben.

Augustus ließ das Stadttor mit drei Bögen, von dem heute nur der mittlere erhalten ist, erneuern, obwohl Rom längst über die alte Stadtmauer hinaus gewachsen war und sie so ihre Funktion verloren hat. Im Jahr 262 n.Chr. wurde das Tor in einen Ehrenbogen für Kaiser Gallienus umgewandelt, wobei man wohl nur die Inschrift ersetzte. Gallienus war von 253 bis 268 Kaiser, die ersten 7 Jahre gemeinsam mit seinem Vater Valerian. Gallienus interessierte sich für Philosophie und griechische Kunst und war den Christen gegenüber tolerant, doch ein feingeistiges Leben wie Maecenas konnte er nicht führen. In seiner Regierungszeit drohte das Römische Reich zu zerbrechen. Gallien machte sich genauso unabhängig wie Syrien. Zu dem kam die Völkerwanderung richtig in Fahrt. Germanen und Goten fielen ins Reich ein. Die Agri decumates, das heutige Baden-Württemberg, wurde von den Alemannen erobert. Immerhin konnte er die Donau als Grenze halten. Im Römischen Museum in Augsburg wird ein Altar aufbewahrt, der an seinen Sieg über die Juthungen erinnert.

Gallienus endete jedoch nicht im Kampf gegen die Germanen. Er wurde in Mailand von seinen eigenen Offizieren in einen Hinterhalt gelockt und ermordet. Die Ruine seines Grabes befindet sich an der Via Appia weit außerhalb Roms auf der Höhe des Flughafen Ciampino. An den Gallienusbogen wurde im 9. Jahrhundert San Vito, die Kirche des Heilgen Veit, Patron der Epileptiker, angebaut.

         

In der Pyramide - Die Cestius-Pyramide

Die Pyramide ist zur Zeit nur eingeschränkt zu besichtigen. Termine am 2. und 4. Samstag des Monats.

Stadtführung durch die Römischen Altstadt

Sie denken, um Pyramiden anzuschauen müssten Sie nach Ägypten fahren? Falsch auch in Rom gibt es eine leibhaftige antike Pyramide. Seit gut 2000 Jahren begrüßt die Cestius-Pyramide Roms Besucher wenn sie durch die Porta San Paolo in die Stadt kommen. Sie ist allerdings trotzdem eine eher unbekannte Sehenswürdigkeit. Touristen bemerken sie meistens nur zufällig beim Vorbeifahren. Der Bestseller-Autor Dan Brown hat in seinem Roman Professor Langdon ganz Rom nach Pyramiden als Zeichen für die „Illuminati“ absuchen lassen. Eigenartig, dass er ausgerechnet die größte und auffälligste Pyramide übersehen hat.

Cestius-Pyramide neben der Porta San PaoloCestius-Pyramide

Ein Grund warum die Pyramide, obwohl unübersehbar, kaum beachtet ist, mag daran liegen, dass man normalerweise nur ihr glattes, steinernes Äußeres besichtigen kann. In Zusammenarbeit mit der Gruppe Sotterranei di Roma kann ich Sie allerdings ausnahmsweise zu einer Besichtigung einladen.

Doch zuerst ein genauerer Blick von Außen. Es stellt sich natürlich die Frage, wer war denn dieser Caius Cestius, der sich dieses exquisite Grabmal kurz vor Christi Geburt errichten ließ?

Um ehrlich zu sein, wir wissen nicht allzu viel über ihn. Alle Informationen die wir haben, stammen von seiner Pyramide. Zum Beispiel aus der großen Inschrift, die vorn und hinten, je gleichlautenden eingemeißelt wurde:

C CESTIUS L F POB

EPULO PR TR PL VII VIR EPULONUM

Wir lesen seinen Name und seine Herkunft: C(aius) CESTIUS L(ucii) F(ilius) POB(ilia)

Caius Cestius, Sohn des Lucius aus dem Tribus (Stimmbezirk) Pobilia.

Und seine Titel: EPULO PR(aetor) TR(ibunus) PL(ebis) VII VIR EPULONUM

Er war Prätor, also der Stellvertreter des Consuln, des Regierungschefs. Dafür wurde man in der Regel für ein Jahr gewählt. Da man für diese Ämter mindestens 40 Jahre alt sein mußte, kann er nicht als allzu junger Mann gestorben sein. Zudem war er Volkstribun (Tribunus Plebis) und Mitglied der Septemviri (VII VIR) Epulonum, einem Priesterkollegium, das für die Ausrichtung eines Kultmahls für Jupiter zuständig war. Ein weiteres Zeichen, dass Caius ein ausgesprochen angesehener Mann war, und ein nicht zu armer, denn dieses Kultmahl mussten die Septemviri selbst bezahlen.

Seinen Reichtum hat er möglicherweise mit dem Handel mit der neuen römischen Provinz Ägypten verdient. Das brachte ihn vielleicht darauf, sich wie einen kleinen Pharao bestatten zu lassen. Oder hing er nur der neuen Mode an, die seit dem Einzug Kleopatras in Rom grassierte. Viele vornehme Römer fanden damals alles Ägyptische absolut hip.

Inschriften auf der Cestius-Pyramide

Tatsächlich gab es noch mindestens drei weitere Pyramiden aus dieser Zeit. Zwei sollen an der Piazza del Popolo, anstelle der Zwillingskirchen am Beginn des Corso gestanden haben und eine zwischen Engelsburg und Petersdom. Letztere wurde abgerissen um, anläßlich des Heiligen Jahrs 1500, eine Straße zu verbreitern. Die Marmorquader ließen sich, wie praktisch, als kostenloses Baumaterial für den Petersdom verwenden.

Diesem Schicksal entging unsere Pyramide wohl, weil Kaiser Aurelian (270 - 275) sie in seine Stadtmauer einbaute. So blöd war man im Mittelalter auch nicht, die Pyramide abzutragen und damit eine Schneise in die lebenswichtige Schutzmauer zu schlagen.

Eine weitere Inschrift befindet sich auf der Ostseite:

OPUS APSOLUTUM EX TESTAMENTO DIEBUS CCCXXX

ARBITRATU

PONTI P F CLA MELAE HEREDIS ET POTHI L

Das heißt: das Werk wurde fertiggestellt auf Grund des Testaments in 330 Tagen unter Leitung des Pontius Mela, des Sohnes des Publius, aus der Tribus Claudia, mit dem Freigelassenen Pothus.

Zu welcher Zeit dies geschah, erschließt sich aus der Inschrift einer Säulenbasis, die allerdings heute im Kapitolinischen Museum steht. Denn auf deren Inschrift beklagt sich die Familie von Cestius, dass golddurchwirkte Stoffe die bei der Beerdigung zum Einsatz kommen sollten, verkauft werden mussten. In einem Gesetz aus dem Jahr 18 v.Chr, wurden nämlich solche übermässig luxuriöse Begräbnisse verboten. Außerdem geht aus der Inschrift hervor, dass Markus Agrippa, der Neffe von Augustus, einer der Erben des Cestius war. Da dieser selbst 12 v. Chr. starb, haben wir so ein Zeitfenster von 6 Jahren für den Tod des Caius und den Bau der Pyramide. Von dem Geld, dass man so bei der Beerdigung einsparte, ließ die Verwandtschaft zwei Bronzestatuen des Caius herstellen, die auf Säulen vor der Pyramide aufgestellt waren. Man hat nur einen Arm und ein Bein von ihnen gefunden, die heute im Magazin des Kapitolinischen Museums schlummern.

Es ist erstaunlich wieviel wir aus der mageren Aktenlage über Caius Cestius herauslesen können. Cestius war also ein vornehmer, reicher Mann mit Einfluss, der vermutlich mit Agrippa beim Feldzug gegen Kleopatra teilnahm und möglicherweise später Geschäftsbeziehungen nach Ägypten unterhielt. Und dabei sein Faible für den Orient entdeckte.

Gang in die Pyramide

Doch nun bewegen wir uns durch einen schmalen, niedrigen Gang in die Pyramide hinein, in die einfache 4 m auf 6 m große Grabkammer. Es fällt gleich auf, dass im linken Eck gegenüber noch ein Tunnel mündet. Tatsächlich hat die römische mit den ägyptischen Pyramiden noch eine Gemeinsamkeit. Sie wurde von Grabräubern geplündert. Irgendwann im Mittelalter, haben unbekannte Glücksritter, vielleicht ausgehend vom Keller eines Hauses in der Nähe, einen Stollen gegraben. Sie waren wirklich Profis, denn sie haben die Grabkammer direkt getroffen. Aber vermutlich war die Enttäuschung um so größer, denn anders als die Ägypter gaben die Römer ihren Toten keine reichen Grabbeigaben mit. Die Grabräuber haben aus Verzweiflung noch die Rückwand und das Fresko im Tonnengewölbe aufgestemmt, in der falschen Hoffnung, da wäre vielleicht noch ein Schatz eingemauert. Gaius Cestius war jedoch kein römischer Tutanchamun. Und als Papst Alexander VII. 1663 die Pyramide, und damit den offiziellen Zugang, wieder freilegen ließ, fand man nur ein leeres Grab. Selbst die sterblichen Überreste von Caius Cestius und seiner Familie, die wahrscheinlich auch hier begraben wurde, sind verschwunden.

GrabkammerGrabkammer

Aber noch ein Blick auf die Fresken der Grabkammer. Der Schmuck ist sehr sparsam und zurückhaltend. Von Stil und Inhalt ist die Ausstattung gar nicht mehr ägyptisch, sondern ganz der römischen Tratition verhaftet. Der weiße Putz und die Girlanden und Vasen machen einen heiteren Eindruck. An den Wänden sieht man einige sitzende oder stehende Figuren. Und an der Decke vier Engel. Nein eigentlich sind die vier Damen mit entblöster Brust und großen Flügeln keine Engel. Sie stellen die Siegesgöttin Victoria dar und sollen wohl das erfolgreich Leben des Cestius symbolisieren. Die Siegesgöttin ist vielleicht auch ein Hinweis, dass Cestius tatsächlich an der Eroberung Ägyptens teilnahm. Kurz vor dem Bau der Pyramide, 29 v.Chr., ließ Augustus im Senat einen Altar mit einer Statue der Victoria aufstellen. Er erinnerte damit an seinen Sieg über Kleopatra und Marcus Antonius. Victoria sollte Symbol dafür sein, dass nun im Römischen Reich Frieden herrschen sollte, was zumindest in der Regierungszeit von Augustus auch gelang. Erst 400 Jahre später wurde die Victoria, nach einem langen Disput zwischen Heiden und Christen, wieder aus dem Senatsgebäude entfernt. Ambrosius, der Bischof von Mailand, konnte den Kaiser überzeugen, den unchristlichen Altar auf den Müll der Geschichte zu werfen. Die Planstelle der Victoria übernahm künftig der Erzengel Michael.

Doch langfristig hatte Ambrosius keinen Erfolg. Die Siegesgöttin ist immer noch allgegenwärtig. Zum Beispiel fliegt sie als Gold-Else (auf der Siegessäule) über Berlin. Oder viel banaler. Schaut mal in euren Schuhschrank. Haben eure Sportschuhe keine drei Streifen, dann prangt wahrscheinlich der stilisierte Flügel der Victoria darauf. Wobei die Vermarktung der Treter unter dem griechischen Pseudonym der antiken Göttin erfolgt: Nike. Und so hilft Victoria heute, 2000 Jahre nach Caius Cestius, zum Beispiel Miroslav Klose bei Bundesligatoren. Und ich wundere mich selbst, wie ich es geschafft habe den Bogen von einer antiken Pyramide in Rom zum FC Bayern zu schlagen.

Viktoria

Die Cestius-Pyramide in Rom

 

piramide Cestia, Roma auf einer größeren Karte anzeigen

zurück

______________________________________________________________________________________________________

130511 019

Stemma Urbano_VIIIAm Beginn der Via Veneto gibt es einen kleinen sehr reizenden Brunnen, den Bienenbrunnen, die Fontana delle Api. Wie der Innschrift zu entnehmen ist gab Papst Urban VIII den Brunnen zur Annehmlichkeit der Römer1644 in Auftrag. Geschaffen wurde er vom großen Bildhauer Gian Lorenzo Bernini, der auch den Tritonenbrunnen mitten auf dem Platz schuf. Der Bienenbrunnen mit seiner niedrigen Schale diente dabei als Pferdetränke. Bernini verarbeitete dabei das Familienwappen des Papstes, der Barberini, das drei Bienen zeigt und lies die Bienen zum Brunnen fliegen um selbst sich am Wasser zu laben. Bernini hat immer wieder Tiere in seine Brunnen eingebaut, die nicht zum üblichen Schmuckkanon gehören. So bereicherte er Rom um eine weitere fantasievolle Skulptur.

Der Brunnen war ursprünglich in die Fassade des nahen Palazzo Soderini integriert. Am Balkon an der Ecke zur Via Sistina, unter dem er einst stand, sind ebenfalls Bienen ins Geländer eingeflochten. Der Brunnen wurde 1865 bei einer Straßenverbreiterung entfernt. Dabei ging leider die originale Muschelschale verloren, die heute nur grob nach der einfachen Zeichnung eines Arbeiters, der beim Abbau dabei war, rekonstruiert ist. Erst 1915 wurde er am anderen Eck des Platzes wieder aufgestellt.

Führung auf den Spuren von Bernini

 

130511 004

130511 015

130511 012

 

Hoch auf dem Kapitol in Rom steht eine Kirche, deren schlichte Fassade unterschätzen lässt welche Kunstschätze sich dahinter verbergen. Nicht nur Kunst auch eine ganze Menge Geschichten und Legenden sind mit diesem Platz verbunden. Für die Römer ist in der Weihnachtszeit nicht der Petersdom die wichtigste Kirche sondern Santa Maria in Aracoeli, denn hier wohnt das römische Christkind.


Diese Webseite verwendet Cookies, um Ihnen ein angenehmeres Surfen zu ermöglichen.